3. Delegationsreise: Besuch in Kobane

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Zusatzbericht zur Lage im Kanton Kobanê

Im Rahmen der Delegationsreise der Initiative Kölner Helfen Ende Februar/Anfang März 2015 reiste die Delegation im Weiteren auch nach Kobanê und verschaffte sich einen Einblick in die derzeitige Situation. Die zusammengetragenen Informationen zur Situation Kobanês in Anlehnung an das Gespräch mit dem stellvertretenden Minister für Außenbeziehungen Idris Nassam und weiteren Quellen werden wie folgt dargestellt.

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Gesundheitliche Lage in Kobanê

Der Gesundheitssektor im Kanton Kobanê war zurzeit der Verwaltungsübernahme durch die Kurden bzw. Befreiung vom Assad-Regime Gegenstand systematischer Unterdrückung, Marginalisierung und Vernachlässigung durch die damalige Regierung Syriens. Obwohl in Kobanê über 317.000 Menschen gelebt hatten, gab es für ihre medizinische Versorgung kein öffentliches Krankenhaus.

Das einzige Krankenhaus, ein privates, war auf der einen Seite für die Versorgung nicht ausreichend. Auf der anderen Seite fehlte es an einfachen medizinischen Gerätschaften wie etwa einem Computertomographen (CT), einem Ultraschallgerät und weiteren modernen medizinischen Apparaten, einer Blutbank, adäquaten Laboren sowie anderer elementarer Ausstattung.

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Im Zuge der Befreiung Kobanês wurde ein Gesundheitskomitee eingerichtet, der sichergestellt hat, dass im Kanton öffentliche Kliniken in den ländlichen Gebieten in Betrieb genommen, neue Kliniken eingerichtet, ein Krankenhaus mit chirurgischer Abteilung eröffnet und der Bau eines „Volkskrankenhauses“ fertig gestellt wurde. Da die Zahl der Krankenhäuser inzwischen auf drei angestiegen war und ein weiteres sich im Bau befand, konnte das Komitee außerdem auch Ärzte ermutigen, nach Kobanê zu kommen und in den dortigen Krankenhäusern zu arbeiten.

Die vielseitigen Angriffe und Blockaden haben letztendlich die Weiterentwicklung des angestrebten Gesundheitsniveaus behindert. Die Blockade beinhaltete die Abschaltung des Stroms, was nicht nur zu einer mangelhaften Lagerung von Arzneimitteln zur Folge hatte, sondern auch negative Auswirkungen auf die Gesundheitssituation im Allgemeinen.  Darüber hinaus wurde der Kanton von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten und seine Bewohner somit gezwungen, auf nicht aufbereitetes, verunreinigtes Wasser zurückzugreifen. Auch dies hat zu einem Anstieg von Krankheiten geführt.

Hinzu kam, dass durch die massiven Angriffe der ISIS / IS die gesamte medizinische Infrastruktur in Kobanê zerstört und die eingerichteten Krankenhäuser gesprengt wurden. In Folge der Angriffe auf Krankenhäuser war das Gesundheitsministerium gezwungen, diese zu evakuieren und auf die Einrichtung medizinischer Versorgungspunkte innerhalb der Stadt zurückzugreifen, denen es jedoch an Operationsräumen mangelte. Viele Verletzte mussten zur Behandlung in die Türkei transportiert werden. Mehrere Verletzte starben noch am Grenzübergang, da sie nicht umgehend operativ versorgt wurden, aber auch in Folge der Vorgehensweisen und Abläufe beim Grenzübertritt, die zu lebensbedrohlichen Verzögerungen führten.

Angriffe und Menschrechtsverletzungen in Kobanê

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Die Belagerung und Isolation der kurdischen Bevölkerung im Kanton  Kobanê führten dazu, dass die Bevölkerung Hunger, Elend, Vertreibung und Tod ausgesetzt war. ISIS hatte den größten Anteil an diesen Attacken. Ihr brutaler Angriff auf Kobanê  war ein Versuch der ethnischen Säuberung mit militärischen Mitteln und Methoden. Daraus folgte die Vertreibung und Heimatlosigkeit von mehr als 300.000 Menschen in Kobanê und die Entvölkerung von mehr als 380 Dörfern. Das Ausmaß der Zerstörung und Verwüstung im Kanton  Kobanê  beträgt 47%.

Das Menschenrechts-Departement des Kantons Kobanê resumiert demnach:

  •  Die Zahl der umgebrachten Menschen (Zivilbevölkerung und Verteidiger) im Kanton  Kobanê  aufgrund der brutalen und unmenschlichen Angriffe beträgt 614.
  •  Die Zahl der Verwundeten beträgt mehr als 2.200 Personen und mehr als 50 Minenopfer.
  •  Es gibt viele vermisste Zivilpersonen die durch IS-Kräfte in Gefangenschaft genommen wurden.
  •  Die Anzahl der zerstörten Gebäude in  Kobanê  beträgt laut der augenblicklichen Statistik 1.260; rund die Hälfte aller Wohngebäude sind unbewohnbar.
  •  Die Anzahl der halbzerstörten Gebäude beträgt nach aktuellen Kenntnissen 1.169.
  •  Die Infrastruktur wie bspw. Abwasserkanäle, Trinkwasserversorgung, Elektrizitäts- und Telefonnetzwerke ist komplett zerstört.
  •  Krankenhäuser, Gesundheitszentren, öffentliche Kliniken, medizinische Labore und Apotheken    sind zerstört und geplündert.
  •  Bildungseinrichtungen sowie 6 Schulen und kulturelle Zentren sind zerstört. 9 Schulen können wieder renoviert werden.
  •  Die Getreidevorräte sind gestohlen.
  •  Der ganze Viehbestand inklusive Rinder, Kühen und Geflügel wurde gestohlen und geplündert.
  •  Alles Gemeineigentum inklusive aller Arten von Fahrzeugen, industrieller und landwirtschaftlicher Maschinen wurde geplündert (Traktoren, Mähdrescher, ect.).
  •  Wohnhäuser und Geschäfte wurden geplündert.
  •  Die Verminung öffentlicher Plätze und landwirtschaftlicher Flächen verhindert deren Nutzung.

Bildungswesen

Vor dem Konflikt verfügte Kobanê über 19 Schulen von der Grund- bis zur Oberstufe. Nachdem Konflikt wurden vier dieser Schulen vollständig zerstört und 15 Schulen sind zu 20 – 80% beschädigt. In den umliegenden Dörfern wurden alle Schulen und Bildungseinrichtungen vollständig zerstört. Hier steht Kobanê vor der Herausforderung die zerstörten Schulen wiederaufzubauen und neue Schulen einzurichten.

Aktuelle Flüchtlingslager

Angesichts der hohen Ströme von zurückkehrenden Flüchtlingen, die Sicherheitslage, das Fehlen öffentlicher Dienstleistungen und Infrastruktur, sieht das Gremium für den Wiederaufbau Kobanês (KRB, engl. Kobanê Reconstruction Board) die Notwendigkeit einer Vorbereitung von 40 Acre Land [1 Acre entspricht grob einer Fläche von 4 Quadratkilometern] im Westen der Stadt, um eine temporäre Zeltstadt als Unterkunft für die Zivilisten zu errichten. Nach Aussage des Verteidigungsministers von Kobanê ist die Verminung des Gebietes, welche die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Häuser verhindert, derzeit das größte Problem. Es ist möglich, dass die Flüchtlinge längerfristig in einer Zeltstadt hausen müssen, bis die Minen auf sichere Weise entfernt worden sind. Für solche Fälle benötigt die Zeltstadt zwei Medizin-Stationen, vier Zelte als Schulen, Sicherheitsstationen und weitere Stationen für die nötige öffentliche Versorgung. Die Notwendigkeit und Signifikanz einer Zeltstadt ist immer noch eines der wichtigsten und kritischsten Punkte in Bezug auf Hilfe und Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft.

Initiative „Kölner Helfen“