Die prekäre Lage in Suruç und den grenznahen Dörfern

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Am Mittwoch (19.11.14) erreichte ich Suruç (Kurdisch: Pîrsûs), um mir einen Eindruck von der Lage der Flüchtlinge in der Stadt und den grenznahen Dörfern zu machen.Zunächst besuchte ich mit Hilfe des örtlich eingerichteten Krisenstabs die Flüchtlingslager in Suruç aber auch einige Dörfer an der Grenze, von denen aus man die Bombeneinschläge in Kobanê hören und sehen kann. DSC01685
20141120_103452 Als ich die Lager besuchte fiel mir gleich auf, dass im Vergleich zum Flüchtlingscamp Fidanlik/Diyarbakir hier auf einer viel kleineren Fläche eine viel größere Anzahl an Flüchtlingen untergebracht und versorgt werden muss. Da die syrische Grenze und die umkämpfte Stadt Kobanê nur ein paar Kilometer entfernt sind, stellt Suruç den ersten Anlaufpunkt für die von dort vor den IS-Terrormilizen fliehenden Menschen dar.
Obwohl die Flüchtlinge dies wissen, wollen sie ihre Heimat nicht endgültig verlassen sondern – sobald es der Krieg erlaubt – wieder zurück nach Kobanê; auch dann, wenn evtl. ihr Hab und Gut vernichtet ist. Dies bedeutet für die Flüchtlingslager in Suruc und anderswo in der Region, dass die Flüchtlinge unter Umständen auch über einen längeren Zeitraum versorgt werden müssen.

 Da anscheinend kein öffentlicher Nahverkehr existiert, fahren wir per Anhalter raus aus der Stadt, Richtung Süden, Richtung Kobanê. Die einzigen Autos, die anhalten, sind kleine, alte Renaults, die fast auseinander zu fallen drohen. Wir sind ihren Fahrern und Insassen, meist ärmlich gekleidete, ältere Bürger Suruç’s, sehr dankbar, dass sie uns ihr Vertrauen schenken und uns mitnehmen. Es sind nur wenige Kilometer zwischen den beiden Städten Suruç und Kobanê, die bis zum Ersten Weltkrieg eigentlich zusammen gehörten. Denn bevor die türkisch-syrische Grenze gezogen wurde und das Land sowie seine Bewohner und Familien trennte, gehörte das heutige Suruç zu Kobanê.
Einige Flüchtlinge hatten Glück, und konnten bei Familienangehörigen auf der türkischen Seite der Grenze unterkommen. Sie leben gemeinsam auf beengtem Raum in ihren Dörfern und in der Stadt und teilen, was sie haben. Aber das reicht meist nicht, und so sind auch sie auf Hilfslieferungen angewiesen.

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In Suruç herrscht große Lebensmittelknappheit. Die Portionen der verteilten Mahlzeiten sind sehr knapp bemessen und die Flüchtlinge v.a. Kinder, Frauen und Alten müssen häufig hungern. Auf die Dauer droht eine Unterversorgung v.a. der Kinder mit Vitaminen etc.. Während meines Besuchs gab es in dem von mir besuchten Lager kein Frühstück mehr und ein anderes Lager musste aushelfen. Neben ausreichend Nahrungsmitteln fehlen vor allem Hygieneartikel, sowie Babynahrung und Windeln. Schnelle und direkte Hilfe wird dringend benötigt, um die insgesamt über 100.000 Flüchtlinge in der Provinz Urfa zu versorgen.
Diese teilen sich wie folgt auf die verschieden Orte auf (Stand: 21.11.2014 /Quelle: Krisenstab Suruç) es haben in URFA Zentrum 35.000, BİRECİK 15.000, SİVEREK 4.000, CEYLANPINAR 600, HİLVAN 3.000, BOZOVA 12.000, SURUÇ Zentrum 20.101, Lagern in SURUÇ 10.708 (in 1200 Zelten), in Dörfern um SURUÇ 17.617 (in 150 Dörfer) und somit insgesamt in der Provinz Urfa 118.026 Flüchtlinge Zuflucht gefunden. Die Zahlen steigen immer noch an und werden kontinuierlich vom Krisenstab in Suruç aktualisiert.

Hochachtung vor den Freiwilligen – sie stemmen fast die gesamte Arbeit vor Ort!

Für die wichtige Arbeit der Organisation der Hilfe und der Erstellung aktueller Statistiken (über die Anzahl und Verteilung der Flüchtlinge, Notwendiges und Vorhandenes an Zelten, Kleidung, Nahrung, Medizin, Helfern) ist der Krisenstab von Suruç zuständig, der sein Quartier im Kunst- und Kulturzentrum der Stadt eingerichtet hat. Er besteht aus freiwilligen Helfern aus der Region, aber auch aus den restlichen Teilen der Türkei, aus Europa, Lateinamerika und Asien.
Viele der Freiwillige arbeiten in den Depots und nehmen Hilfsgüter an, sortieren und verteilen sie anschließend an die Lager und andere Standorte. In den Lagern selbst helfen Freiwillige beim Organisieren, Kochen, Verteilen von Hilfsgütern und Essen, als Lehrer oder Aufsichtspersonal mit.

20141120_180741Die freiwilligen Helfer arbeiten von morgens bis abends, teilweise seit Beginn der IS-Angriffe auf Kobanê, auf eigene Kosten und bis an den Rand der Erschöpfung. Andere Freiwillige halten sogar Nacht für Nacht Wache in den grenznahen Dörfern, um die Bevölkerung vor IS_Milizen zu schützen, die vor allem nachts die Grenze zwischen der Türkei in beide Richtungen passieren. Andere berichten als freiwillige Reporter dem Krisenstab oder etwa für Nachrichtenseiten wie www.sendika.org für die Öffentlichkeit über die Lage der Flüchtlinge, von der Grenze und aus Kobanê.

Trotz der enormen Anstrengungen, reicht die geleistete Hilfe für diese Flüchtlingszahl nicht aus und der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab. So warten mehrere tausend Flüchtlinge weiterhin auf ihre Registrierung. Es sind Familien aus Kobanê, die erst vor zwei bis drei Wochen über die Grenze geflüchtet sind. Sie sind traumatisiert durch ihre Zeit in Kobanê im Krieg.

Ich war entsetzt, als ich am letzten Tag meiner Delegationsreise ein Auffanglager am Rande von Suruç besuchte, in dem etwa eintausend dieser neuen – meist noch nicht registrierten – Flüchtlinge Zuflucht gefunden hatten. Außer Zelten, die aus sehr dünnem Plastik bestehen, fehlt es dort an allem. Die Wege sind unbefestigt, matschig und rutschig. Es liegt ein unangenehmer Geruch in der Luft, die Kinder sind von oben bis unten mit Matsch verdreckt. Viele stehen Barfuß oder mit Badelatschen in den Matschpfützen. Sie freuen sich über meinen Besuch und wollen alle fotografiert werden und auch selbst Fotos schießen. Wie ich im Nachhinein erfahre, gibt es in diesem Auffanglager noch keine Sanitäranlagen, was den Geruch des Matsches erklären könnte. Das macht mich unglaublich traurig. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich hier entsprechende Krankheiten ausbreiten. Durch die fehlende Registrierung fehlen sie noch in der Statistik und erhalten keine oder nur sporadische Verpflegung mit Nahrung. Die von „fliegenden Händlern“ angebotenen Lebensmittel können sich die meisten nicht leisten, da sie durch ihre Flucht verarmt sind.
Die Lebensmittel in den Depots der anderen Lager neigen sich dem Ende zu, oder sind schon aufgebraucht.

Die Stadt Suruç errichtet derzeit ein weiteres Flüchtlingslager für etwa 10.000 Flüchtlinge, um die neu eingetroffenen und weiter eintreffenden Flüchtlinge unterbringen zu können. Damit ist jedoch noch nicht die Versorgung dieser Menschen geklärt. Die Stadt und die umliegenden Gemeinden haben keine finanziellen Mittel, um diese humanitäre Katastrophe zu bewältigen.

Ich hoffe, dass Sie als Leser meine Betroffenheit über die verzweifelte Lage der Menschen dort teilen können. Das Elend vor den Toren Europas geht auch uns etwas an. Der IS verfolgt alle, die sich nicht Ihnen anschließen. Keiner verlässt freiwillig seine Heimat. Flucht bedeutet meist Verarmung, Traumatisierung und v.a. für Kinder neben den psychischen und physischen Folgen Benachteiligung im Bildungsbereich.

Wir Kölnerinnen und Kölner müssen demonstrieren, dass wir im Namen der Menschlichkeit gegen diese Barbarei zusammenhalten!

Bericht und Fotos von Berit Kranz (Vorstandsmitglied von Kinderhilfe Mesopotamien e.V./ Initiatorin von Kölner Helfen)